Chr. W. Glucks "Orfeo ed Euridice" in der Parma-Fassung 1769Ein Sopran singt den OrfeoEin Sopran singt den Orfeo? Es handelt sich hierbei weder um einem Druckfehler noch um einen Irrtum des Chefdisponenten, sondern schlicht um die Parma-Fassung von ?Orfeo ed Euridice? aus dem Jahr 1769, die Erstaufführung an einer deutschen Bühne.Es gibt wenige Opern, deren Aufführungsgeschichte von derart zahlreichen Umbesetzungen, Adaptierungen, etc. geprägt ist, und dennoch: für unser heutiges Publikum ist der Orfeo nach wie vor eine Mezzo-Partie und hat als solche den Wiedereinzug in unser modernes Opernrepertoire gefunden. Hauptverantwortlich hierfür ist die Fassung von Hector Berlioz, in welcher die Pariser Fassung (1774), die wiederum für hohen Tenor geschrieben ist, für Alt beziehungsweise Mezzo bearbeitet wurde ... doch nun der Reihe nach: Christoph Willibald Gluck komponierte die Urfassung von Orfeo ed Euridice (für einen Altisten in der Titelpartie) 1762 in Wien, die Uraufführung fand am 5. Oktober im Wiener Burgtheater statt. Der Komponist beschritt mit seiner ersten Reformoper neue Wege, was anfänglich beim Publikum nicht selten auf Unverständnis stieß, war man doch an den Höfen in Italien und Wien die barocke Tradition der opera seria Metastasios mit der starren Folge von Rezitativ - Da-Capo-Arie gewöhnt: Gluck integriert Elemente der französischen tragedie lyrique in sein Werk: Er versieht die bis dato, wie der Name schon sagt, eher trocken gehaltenen secco-Rezitative mit einer Begleitung des Streicherorchesters (statt der üblichen Kombination Begleitung mit Cembalo und Violoncello) und verschleiert somit den Übergang von Rezitativ zu Arie. Der Chor wird in Orfeo zum Hauptdarsteller neben der Titelfigur und tritt sowohl kommentierend, als auch als Handlungsträger in Erscheinung. Last not least wird das Handlungsballett in Form von immerhin 10 kurzen Tänzen auf die Bühne gebracht. Nach einigen Aufführungen der Wiener Fassung wird es still um Orfeo ed Euridice. Erst die bevorstehende Vermählung der Erzherzogin Anna Amalia mit dem spanischen Infanten Don Fernando am 24. August 1769 veranlasst Gluck zu einer Umarbeitung seiner Oper: aus Orfeo ed Euridice wird kurzerhand ein ?Atto d' Orfeo? als letzter Einakter der großen Festdarbietung ?Feste d' Apollo?. Dem Gebrauch der damaligen Zeit entsprechend wird die Titelpartie für am Parmenser Hof engagierten Sopranisten Giuseppe Millico transponiert, und auch an der Instrumentierung muss Gluck einige, zum Teil erhebliche Änderungen vornehmen: In Parma steht dem Komponisten ein im Vergleich zu Wien deutlich reduziertes Instrumentarium an Bläsern zur Verfügung: der Part von Chalumeaux und Englischhörnern wird in Parma von den Oboen übernommen, auf die Posaunen, die üblicherweise in allen Chören colla parte, das heißt mit den Singstimmen spielen, muss Gluck komplett verzichten, und auch die Anzahl an Streichern und Chorsängern ist geringer. Was sind nun die hörbaren Unterschiede zu den uns bekannten Fassungen?In erster Linie der Klang: die Parma-Fassung besticht durch hohe Transparenz und Ausgewogenheit: die Balance zwischen Sängern und Orchester ist an vielen Stellen geradezu kammermusikalisch, was die Gestaltung auf der Bühne erheblich unterstützt. Und dennoch haben die Szenen in der Unterwelt die volle Dramatik, und das wundervolle Arioso ?Che puro ciel? hat dem Komponisten in der Parmenser Fassung wohl auch so viel besser gefallen, dass er es in dieser Variante in die Pariser Fassung übernommen hat.Und die Singstimmen?Selten ?überlebt? eine Oper der damaligen Zeit Umbesetzungen ohne Eingriffe in den Gesangspart - auch Orfeo nicht: dass Gluck für den Sänger Milico nun ausgerechnet eine Koloratur in den Schluss von ?Deh, placatevi? und am Ende der berühmten Arie ?Che faro? noch ein paar hohe Töne hinzufügen musste ist ihm sicher nicht leicht gefallen, wo er doch mit Orfeo unter anderem die damals ausufernde Tradition des unmäßigen Verzierens beenden wollte. Diese Veränderungen werden dem Zuhörer allerdings vertraut sein - Gluck hat sie allesamt in die Pariser Fassung übernommen. Der ?Atto d' Orfeo? war somit ein Meilenstein zu ?Orphée et Euridice?, und man fragt sich an dieser Stelle, warum dieser Schatz nicht schon früher aus der Bibliothek in Parma gehoben wurde. |