Der überlebende Engel. "Die sechste Stunde" von Hans Rotman

Franz Kafkas "In der Strafkolonie" ist einer der ersten Texte, der die Folter zum Thema von Literatur machte. Ein europäischer Reisender besichtigt auf einer Insel am Ende der Zivilisation die Folter- und Tötungsmaschinerie in einem Lager. Er ist fasziniert und angewidert zugleich. Das Opfer der Maschine, die das Urteil in dessen Körper einschreibt, ist hündisch ergeben, der ausführende Offizier ein die Maschine und deren System liebender Henker und der Reisende ein verantwortungsloser Voyeur. Der alte Kommandant, der Erfinder dieses perversen Schauspiels, tritt nicht in Erscheinung. Kafka richtet die Scheinwerfer gnadenlos auf die Tötung, der Leser kann nicht ausweichen in Sympathie und Hoffnung. Die überraschende Wendung der Geschichte, daß der Offizier den Soldaten frei läßt und sich selber unter die Maschine in Erwartung der Urteilsschrift "Sei gerecht" legt, zeigt den ganzen Zynismus eines Systems, das Menschen züchtet, die diesen Staat höher stellen, als Verantwortung und Vernunft.

Die Vergötterung der Maschine ist von Kafka gewiß nicht symbolisch gemeint. 1914 war der Autor seines großen Romans "Der Prozeß" bestens über Kriegsgreuel, Folter und Strafkolonien informiert. In welchem Lager befinden wir uns in Hans Rotmans Oper "Die sechste Stunde"? Im KZ, in einem Gulag oder in einem der Stasi-Gefängnisse, in denen Gefangene radioaktiven Strahlungen ausgesetzt wurden. Genau wie in der Vorlage von Kafka werden Ort und Namen der Hauptfiguren nicht genannt. In diesem Straflager begegnen wir Kafkas Personal: der Offizier, der Verurteilte, der Reisende. Doch tritt wie eine immer schon und auf immer währende Vision der alte Kommandant auf, der genau weiß, daß hinter jedem Offizier bereits der nächste wartet. Der Reisende ist in Rotmans Oper ein Reporter, der Gewalt verkaufen will und muß. Und es betritt eine Fremde das Lager, die letzte Träumerin, eine Figur, die noch Phantasie, Sehnsucht und Verantwortung kennt. Vielleicht ähnelt sie ein wenig Fraz Kafka, der zwischen den Welten sein Leben lang sich in einer Schule der Gottlosigkeit gefangen fühlte. Der Männerchor stellt die Schergen des Offiziers und der Frauenchor die Schergen des heutigen Systems eines medialen globalisierten Aktienwerts "Gewalt" dar.

In der sechsten Stunde der Qual kippt der Zustand des Gefolterten um in endgültigen Todes-Schmerz. Diktaturen kennen solche Folterkammern. "Die sechste Stunde" läßt Zeit und Ort des Geschehens wie Kafka oder Edgar Allen Poe in "Die Grube und das Pendel" offen. Doch kennen wir heutige Demokratien, die das Gesetz, ihr Gesetz willkürlich und um des eigenen Profits willen auslegen und ausüben ohne Rücksicht auf Verluste. "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns", mit solcher Rambo-Logik führen die West-Alliierten Kriege und die USA bauten die Guantanamo-Strafkolonie. Der italienische Dichter und Regisseur Pier Paolo Pasolini hat in seinem letzten Film "Salò oder die 120 Tage von Sodom" solch ein perverses System von Gewalt und Lust an Gewalt gezeigt. Er setzte die Handlung noch in die Zeit des Faschismus. Stanley Kubricks "Clockwerk Orange" zeigt den Lust-Gewinn der Peiniger im Kapitalismus.

In den USA sind die Zuschauerräume bei Hinrichtungen überfüllt. Und die Zerstörungen und Entrechtungen der Dritten und Vierten Welt durch die Hegemonie der reichen Staaten kennt keine Grenzen mehr. Die Reporter reisen den Militärs dorthin nach, wo Kriege und Gewalt Gewinn versprechen: Einschaltquoten, Erdöl oder Bio-Medizin aus Ressourcen von Latein- und Südamerika. Aus Ländern, in denen nichts zu holen ist, wie den afrikanischen Staaten oder Tschetschenien, hören wir kaum etwas. Alles Menschliche wird fremd und jeder Fremde ein potentieller Feind. Der Kapitalismus kennt seit 1989 kein Gegensystem mehr und betreibt pure Börsen-Inzucht: Schöne, neue Welt. Der Mensch als Mehr-Wert. Geschichtsschreibung ist zumeist Selbstrechtfertigung. Doch der Mensch raubt und massakriert weiter. Seine Ideale entlarven sich als die Masken der Bestie Mensch. Wehe dem, der daran glaubt. Doch auch die Steine reden: die Architektur der Strafkolonien tragen jenes graue Gesicht, dessen Trostlosigkeit- anders als die des grauen Betons- niemals vom Wind hinweggewirbelt werden wird. "Der Engel der Geschichte muß so aussehen", heißt es bei Walter Benjamin: "Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm". "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" heißt eines der berühmtesten Bilder von Francisco von Goya. Von solchem Schlaf erzählt "Die sechste Stunde".

Hans Rotmans Musikwerk widmet sich dem Themenkreis von Macht und Phantasie. Die Orchestermusik begleitet die Stimmen der Solisten und des Chors. Kunst und Information im Sinne von Vernunft, Verantwortung und Traum. Und die Figur der Fremden wird zu einem Engel der Geschichte, dessen Flügel zwar gestutzt sind, aber den es noch gibt.


Christoph Klimke